Die Chronik des Vereins

Der badische Forstmeister Freiherr Karl-Friedrich Drais von Sauerbronn hat sicherlich nicht geahnt, dass sich seine im Jahre 1818 erfundene Laufmaschine, die „Draisine“ bis zum heutigen Zeitpunkt, zu einem beliebten Freizeit- und LeistungssportgerĂ€t entwickelt hat. Aber es dauerte noch fast 40 Jahre, bis die ersten HochrĂ€der gebaut wurden und nochmals solange, bis es luftbereifte FahrrĂ€der gab. So war es nicht verwunderlich, dass sich Interessenten zu Gruppen und Vereinen zusammen fanden und das „Velociped-Reiten“, wie es damals genannt wurde, zu betreiben. Den ersten in Deutschland im April gegrĂŒndeten Verein gab es in Hamburg-Altona und war der „EimsbĂŒtteler Velocipeden-Reitklub“. In den achtziger Jahren entstanden auch in Mecklenburg u.a. in Rostock, Laage, Schwerin, LĂŒbtheen, GĂŒstrow, Plau, Wismar und BĂŒtzow, die ersten Radfahr-Vereine.

In der mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin kam es ebenfalls zur Bildung von Radfahrvereinen. So wurde bereits 1886 der Schweriner Radfahrverein unter Mitwirkung des Kaufmanns Carl Gundlach gegrĂŒndet, der am 23./24.Juni 1888 mit der „Vereinigung der Mecklenburgischen Radfahrer“ sein Stiftungsfest feierte. Dieser Verein beschĂ€ftigte sich in erster Linie mit Radveranstaltungen auf dem Hochrad.

Die „Vereinigung Mecklenburgischer Radfahrer“ vereinigte die Radfahrvereine aus Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz. Sie fand Anschluss an den 1884 in Leipzig gegrĂŒndeten „Deutschen Radfahrerbund“ – dem heutigen „ Bund Deutscher Radfahrer“ (BDR).Sie traten aber 1892 wieder aus. 1896 erfolgte die GrĂŒndung des Schweriner Radfahrvereins „Greif zu“, die von dem Möbelfabrikanten Herrn Schultz, Marienplatz 2, geleitet wurde.

Vom Landesarchiv ist uns nachstehendes Schreiben bekannt:

Radfahr-Verein „Greif zu“ Schwerin 2. September 1897
Seiner königlichen Hoheit dem Großherzog1
Allerdurchlauchtigster Herzog,
AllergnÀdigster Herzog und Herr !

“Am Sonntag, den 5.d.Mts. feierte der Radfahrer Verein „Greif zu“ zu Schwerin,

sein erstes Stiftungsfest und erlaubt sich der unterzeichnete Vorstand Ew. Hoheit, als den Protektor und Förderer des Sports zu dem am Nachmittag vier Uhr auf der Chausee bei Wiligrad stattfindenden Radwettfahren ganz ergebenst einzuladen. Eurer Hoheit gestatten wir und gleichzeitig die alleruntertĂ€nigste Bitte zu unterbreiten, dem Verein zu seinem Fahren um die Greifenmeisterschaft des Vereins einen Ehrenpreis, vielleicht in Form einer Greifennadel, zu stiften. Indem wir uns der angenehmen Hoffnung, einen gĂŒtigen Bescheid zu erhalten, hingeben, verharren wir Ew. Hoheit, alleruntertĂ€nigst treu gehorsamster Vorstand.”

I.A. H. Schultz, Vorsitzender
Marienplatz 2

Da auch dieser Verein nicht dem Bund Deutscher Radfahrer beitrat, wurde unter Leitung des FahrradhĂ€ndlers Clemens Haberecht, Schwerin Schulstr.2, der Radfahrverein „Wanderer“ am 09. Oktober 1899 gegrĂŒndet, dem sich der „Greif zu” Verein anschloss.

Dies war der Geburtszeitpunkt unseres Vereins.

1899 bis 1936

Die Leitung des Vereins ĂŒbernahm der Drogist Theodor Taddingen aus der Rostocker Str.10. Im GrĂŒndungsjahr beschrĂ€nkte sich der Verein darauf, die Kameradschaft und Geselligkeit zu pflegen und neue Mitglieder zu werben. Bereits im FrĂŒhjahr des nĂ€chsten Jahres gelang es dem Verein, in BrĂŒel in Konkurrenz anlĂ€sslich eines Fahrradkorsos, den 1. Preis zu erringen. Von den Mitgliedern wurde auch der Rennsport mit guten Erfolgen betrieben. Kurios war auch das Rennprogramm lt. Ausschreibung auf HochrĂ€dern:

-Distanz 4000m-offen fĂŒr Mitglieder des Schweriner Radfahrverein „Wanderer“:

-Einsatz 1,50 Mark-

Rennstrecke auf der Schwerin-Crivitzer Chaussee von der FĂ€hre bis zum Gr. Exerzierplatz (heute Gr. Dreesch) und zurĂŒck. Das Rennen ist mit Wendepunkt. Beim Wendepunkt wird abgesessen, Hilfe beim Aufsteigen ist nicht zulĂ€ssig.

Zur GrĂŒnderzeit gab es auch bereits Empörungen und Beschwerden gegen das Radfahren. So wurde um 1896 an den Großherzog Friedrich Franz III. Beschwerde eingelegt und eine entsprechende Verordnung erlassen:

u.a.: Radfahrer dĂŒrfen andere als die zum Fahren und Reiten bestimmtem Straßen, Wege und PlĂ€tze nicht benutzen. Insbesondere ist das Radfahren auf den BĂŒrgersteigen verboten. Das rasche Fahren in den Straßen der Stadt, besonders um Straßenecken ist unstatthaft.

Das Rauchen auf dem Rade ist verboten. Der Fahrer hat die Pflicht, beim Vorbeifahren an Fuhrwerken, Reitern und FußgĂ€ngern, denselben so weit wie möglich auszubiegen sowie stets rechtzeitig Signal mit der Glocke zu geben.

Dazu wurde am 21. August 1899 vom Großherzoglichen Hofmarschallamt bekannt gegeben:

Infolge vielfacher Beschwerden wegen rĂŒcksichtslosen Radfahrens auf den Promenaden-Wegen des Schlossgartens wird nach Höchster Bestimmung, unter Bezugnahme auf die Bekanntmachung vom 4.August 1896, das Radfahren im Schlossgarten und dessen Anlagen auf sĂ€mtlichen Wegen, welche nicht dem Wagenverkehr dienen, von 12 Uhr Mittags ab bis zur eintretenden Dunkelheit untersagt.

Beachtliche Erfolge bei auswĂ€rtigen Veranstaltungen im Einzel- und Mannschaftsfahren, im Fahrradkorso und Schulreigen konnten erzielt werden. Bald konnte der Verein, der zum Gau 19 des „Deutschen Radfahrer-Bundes gehörte, eine fĂŒhrende Rolle einnehmen. Die Entwicklung des Radsports brachte auch einen Aufschwung des Saalradfahrens (heute Hallenradsport) mit sich. So gelang es dem Verein bereits 1902 in Goldberg, mit einer „Achter-Niederradkunstreigen-Mannschaft“, den 1.Platz zu belegen. Dieser Sieg schuf rege Begeisterung fĂŒr die AusĂŒbung des Saalradfahrens. Im Jahr 1906 wurden 8 SaalfahrrĂ€der angeschafft, da die Notwendigkeit hierzu vorlag, um einen weiteren Aufstieg sichern zu können. Auch im Radrennsport wurde eifrig trainiert. Bereits 1902 wurde in der NĂ€he des Waldschlösschens an der Crivitzer Chaussee die erste Radrennbahn in Mecklenburg eröffnet, die dazu beitrug, die Leistungen in dieser Disziplin zu erhöhen. Eine TrainingsstĂ€tte der Hallenradsportler war u.a. die Turnhalle in der LĂŒbecker Str. Zu dieser Zeit war Waldemar Haberecht, der Sohn von Clemens Haberecht, ein ausgezeichneter Rennfahrer und Radballspieler. In den spĂ€teren Jahren war er als Trainer im Verein tĂ€tig und wurde Mitglied der Gauleitung des Bund Deutscher Radfahrer.

Die technische Beschaffenheit der Saalmaschinen ermöglichte nunmehr auch bessere Bedingungen des Radballspiels. Nach der Beschaffung der Saalmaschinen besuchten die Mannschaften des Vereins auch grĂ¶ĂŸere StĂ€dte, wie Kiel, Hamburg und Flensburg und erzielten gute Erfolge. Besonders hervorzuheben sei die Teilnahme des Vereins an den Bundestagen des Deutschen Radfahrer-Bundes in Stettin, Bremen, Görlitz, MĂŒnchen, Frankfurt/M und Braunschweig. Bemerkenswert ist, dass fĂŒnf Mitglieder des Vereins die 750 km lange Raddauerfahrt nach MĂŒnchen in 72 Stunden zurĂŒckgelegten Im Herbst 1908 wurden infolge eines Brandes, im frĂŒheren Vereinsheim „Flora“, die Saalmaschinen vernichtet, so dass neues Material angeschafft werden musste.

Durch den Ausbruch des Krieges 1914/18 wurde die SporttÀtigkeit des Vereins unterbrochen und danach wieder aufgenommen. Die Radfahrvereine hatten aber allgemein sehr unter den Nachwirkungen des Krieges zu leiden.

Bis 1932 wurden in Schwerin die Grundlagen fĂŒr den Radsport weiter entwickelt. Das galt besonders fĂŒr den Hallenradsport (Reigenfahren, Kunstradfahren, Radball,) den Rennsport und das Radwandern. Zahlreiche Veranstaltungen im Gau 19 des Bund Deutscher Radfahrer, kamen in Schwerin zur Austragung. Die finanziellen Probleme spielten zur damaligen Zeit auch schon eine große Rolle. Viele AntrĂ€ge auf Stiftung von Ehrenpreisen, ZuschĂŒssen u.a., wurden vom Vorstand an den Großherzog Friedrich Franz den III und IV sowie an den spĂ€teren Regenten von Mecklenburg, Herzog Johann Albrecht und den Magistrat der Stadt Schwerin gestellt, die aber leider oft nicht befĂŒrwortet wurden.

Die Sportler waren besonders bedacht, ihre Leistungen im Renn- und Hallenradsport zu erhöhen. Hierbei sei in den frĂŒheren Jahren an Karl Stutz gedacht, der in den zwanziger Jahren einer der erfolgreichsten Sportler unseres Vereins war. Gemeinsam mit Carl Weidemann bestimmte er ab 1920 das Niveau des Radballspielens. Er betĂ€tigte sich sehr aktiv und erfolgreich im Radrennsport und im Zweier- und Sechserkunstradfahren. Wie fĂŒr so viele gute Sportler, sendete seine Sportlaufbahn durch die Einberufung zur Wehrmacht am 1.09.1933. Er verstarb 1946 in russischer Gefangenschaft.

Ab 1932 wurde der Verein von Herrn Richard Schröder, Schwerin, Taubenstr.11 ĂŒbernommen. Er setzte die Tradition des Radsports in Schwerin fort.

Die Dachorganisation unseres Radfahrvereins „Wanderer“ ist der „Bund Deutscher Radfahrer“ (BDR).

Er wurde 1884 in Leipzig gegrĂŒndet. Sein VorgĂ€nger war der „Deutsche Radfahrer-Bund“. Sein Gebiet umfasste das damalige Deutsche Reich. Dieses Gebiet wurde in 109 GauverbĂ€nde eingeteilt; sie erhielten weitgehende SelbststĂ€ndigkeit. Schwerin gehörte damals zum Gau 19a.

Die dem BDR angeschlossenen Vereine wurden als bĂŒrgerliche Vereine bezeichnet, da sie grĂ¶ĂŸtenteils Handwerker und Gewerbetreibende aufnahmen.

Neben den bĂŒrgerlichen Vereinen existierte auch der Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund ARKB „SolidaritĂ€t“ der in Mecklenburg 1902 in Rostock gegrĂŒndet wurde. WettkĂ€mpfe zwischen diesen VerbĂ€nden wurden aber nicht ausgetragen. Diese Vereinigung wurde 1933 verboten.
Auch der Bund Deutscher Radfahrer wurde mit der MachtĂŒbernahme des Nazi- Regimes aufgelöst und in den „Deutschen Radfahrerverband (DRV)“ umbenannt. Ab 1936 ĂŒbernahmen NSDAP-Mitglieder die FĂŒhrung des Verbandes.
FĂŒr unseren Verein in Schwerin gab es nach Aussagen unserer ehemaligen Mitglieder in dieser Zeit keine sportlichen AktivitĂ€ten und es soll alles zum Erliegen gekommen sein.

So wurden die FahrrÀder bei der Fahrradfirma Clemens Haberecht auf dem Boden gelagert.

1945 bis 2014

Die noch vorhandenen Mitglieder des Schweriner Radfahr-Vereins „Wanderer“ ergriffen nach 1945 die Initiative und gaben dem Verein neue Impulse.
Hier waren es in erster Linie Altmeister Waldemar Haberecht jun., Ewald Stamer, Richard Schröder, Johannes Schneider, Karl Beutz, Karl Muchalski, Edmund Wiencke,die unter FĂŒhrung des FDJ-Sportes den Radsport in der Landeshauptstadt wieder belebten.
Unter Leitung des FahrradhÀndlers Rolf Haberecht wurden die alten Brennabor-KunstfahrrÀder vom Boden geholt und man begann wieder in der Turnhalle des
Schweriner Gymnasiums mit dem Übungsbetrieb.
GĂŒnter Schattingen, Artur Schwampe, Alfred Wackerow, Horst Cassube, GĂŒnter Korn, Hans Sprenger, Franz Fahrenheim und Heinz Dörschel bildeten bald den Kern des Vereins.

Radrennen und Hallenradsport prÀgten zu dieser Zeit den Verein.
Das „Saalradfahren“ wie es zu dieser Zeit nannte, wurde vorwiegend in den Wintermonaten betrieben. Der Sommer gehörte eindeutig den Rennfahrer, die bereits 1947 mit attraktiven Veranstaltungen aufwarteten.

So waren es die schon erwĂ€hnten Radsportler, die am 1. Juni 1947 mit dem traditionellen Radrennen „Rund um den Pfaffenteich“ den Grunstein fĂŒr eine erfolgreiche radsportliche Entwicklung in Mecklenburg/Vorpommern legten.
So waren es die einheimischen Fahrer Rolf Haberecht, Arthur Schwampe, Heinz Wahl, Hans Sprenger, GĂŒnter Schattinger, Siegfried Padzdior, Heinz MehrlĂ€nder u.a., die fĂŒr Erfolge sorgten.
Im ĂŒbrigen haben die schon genannten Organisatoren bis 1963 diese Radrennen um den Pfaffenteich organisiert und durchgefĂŒhrt. Oftmals war auch der Pfaffenteich Ziel von DDR-Rundfahrten und Elite-Auswahlrennen.

Herr Steffen GĂŒll hat in seiner BroschĂŒre „50 Jahre Radrennen – Rund um den Pfaffenteich“ dankenswerter Weise die Aufarbeitung dieses traditionellen Radrennens vorgenommen und 1998 veröffentlicht.

Große Probleme gab es in den ersten Nachkriegsjahren mit dem Material. Zwar waren Ă€ltere FahrrĂ€der vorhanden aber bei jeder Veranstaltung mußte um die Beschaffenheit der Reifen gebangt werden. In „Haberechts Gummi-Bude“ wurden immer wieder Profile aufvulkanisiert, um fĂŒr die nĂ€chsten Rennen fit zu sein.
Die Schweriner Radsportler suchten nach immer neuen Möglichkeiten, ihren Sport populÀr zu machen. Aschenbahn-Rennen kamen auf Paulshöhe und Burgsee-Sportplatz zur Austragung und begeisterten die vielen Schweriner RadsportanhÀnger.
Da Mecklenburg keine Rennbahn besaß, sollte der Burgsee-Sportplatz dazu umgebaut werden.